Warum Journaling mehr Klarheit in dein Business bringen kann. Teil 1: das Bullet Journal

Das Heft in der Hand behalten. Wichtiges von Unwichtigem trennen. Absichten in Taten umsetzen. Das Bullet Journal kann mehr sein als ein simpler Terminplaner. Sein Erfinder Ryder Carroll hat vor einigen Wochen das Buch zu seinem System veröffentlicht.

Lange Zeit kamen mir meine Ideen, Gedanken und Projekte vor wie ein sehr grosser, sehr bunter Luftballon-Strauss. Ich versuchte all die Ballon-Fäden mit einer Hand festzuhalten, während ich mit der anderen den Alltag managte. Manchmal klappte es ganz passabel, manchmal verkrampfte ich mich dabei völlig und des Öfteren flogen einige Ballone auf Nimmerwiedersehen davon.

Nachdem ich mich ausgiebig darüber genervt hatte, suchte ich nach praktikablen, unkomplizierten Tools und entdeckte das Journaling. Der Trend aus den USA ist in diversen Variationen bei uns angekommen. Ich habe einige Systeme und Methoden ausprobiert und werde eine Auswahl in einem der nächsten Beiträge vorstellen. Hier geht es um das Bullet Journal, das inzwischen ein fester Begleiter meines Alltags geworden ist.

Vom unkonzentrierten Schüler zum Erfolgs-Unternehmer
Entwickelt hat es der New Yorker Grafikdesigner Ryder Carroll. Er litt während seiner Schulzeit in den 80er Jahren unter ADS. «Es fiel mir einfach schwer, mich zur richtigen Zeit auf das Richtige zu konzentrieren, dabei zu sein, anwesend zu sein. Meine Aufmerksamkeit brach ständig zu neuen, spannenden Ufern auf.», schreibt er in seinem Buch, das vor wenigen Wochen in 16 Sprachen erschienen ist. 2019 sollen zwölf weitere Übersetzungen folgen. Durch Ausprobieren und «ganz viel Irrtum» entwickelte er für sich selber auf der Basis von Notizbüchern eine Mischung aus Terminplaner, Tagebuch, Notizbuch, to-do-Liste und Skizzenbuch. Als er 2007 als Webdesigner arbeitete, realisierte er verblüfft, dass sein System auch bei anderen gut ankam. Daraus wurde das Bullet-Journal-System, das seinen Namen übrigens von den Punkten hat, mit denen man Aufgaben markiert.

Schluss damit!
Im ersten Moment klingt das regelmässige Führen des Bullet Jounals einfach nach zusätzlicher Arbeit. Und erst noch Handarbeit. Bei mir brauchte es daher Überwindung, bis ich damit startete. Doch inzwischen gehört es zur täglichen Routine, denn für mich überwiegen die Vorteile:

Fertig fliegende Zettel: Ich habe EIN Notizbuch für alles, was in meinem Leben gerade aktuell ist.

Byby Bildschirm: Es ist analog, Technik unabhängig und kann überallhin mitgenommen werden. Das Schreiben von Hand hilft, etwas auf den Punkt zu bringen, das funktioniert selbst bei Handschreibe-Muffeln wie mir.

Adieu Autopilot: Es hilft mir Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Es hilft mir klar darüber zu werden, was ich wirklich will – und warum.

«Wir können uns nicht treu bleiben, wenn wir nicht wissen, was wir wollen, und vor allen Dingen auch warum, also müssen wir genau da anfangen.»

Ryder Carroll

Her damit!

Das Bullet Journal kann deutlich mehr sein als ein Organizer – wenn man will.

Mir hilft diese Art von Journaling, Ideen nicht zu vergessen. Schliesslich habe ich sie von Hand violett auf weiss notiert.

Es hilft mir herauszufinden, wo ich gerade stehe. Daraus ergibt sich die Frage, ob ich überhaupt dort stehen will. Wenn nein, warum in aller Welt sollte ich diesen Weg weiter verfolgen?

Es hilft mir, nicht nur zu reagieren, sondern auf für mich stimmige Art selbst aktiv zu werden. Es erinnert mich daran, dass ich selbst über mein Leben bestimme.

Es geht darum, Verpflichtungen zu hinterfragen. Will ich wirklich an diesen Event? Muss ich diese Arbeit erledigen? Ist sie wichtig? Ist sie gar unerlässlich? Macht sie Spass?

Es hilft mir, nicht in Gedanken und Träumen stecken zu bleiben, sondern zu handeln. Und es hilft mir, Aufgaben fertig zu stellen. Denn wenn ich sie nicht zu Ende führe, bleibt ein Teil meiner Aufmerksamkeit dort hängen.

Laut Studien sausen täglich 50 000 bis 70 000 Gedanken durch unseren Kopf. Bekanntlich bringen uns längst nicht alle weiter. Das Bullet Journal, so die Idee, soll uns beim «Entrümpeln» unseres vollbepackten Kopfes helfen, damit wir unsere Gedanken in einer «gewissen objektiven Distanz» betrachten können. «Das Analysieren meiner To-do-Listen wird kaum die grossen Rätsel des Lebens lösen», schränkt Carroll ein. Er ergänzt aber: «Vielleicht schon, wenn wir die Warum-Fragen stellen: Warum arbeite ich an diesem Projekt? Warum geht mir mein Partner auf die Nerven? Warum bin ich gestresst?»

 

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Was braucht es?
Einen Stift und irgendein dickes Notizbuch. Format A5 hat sich in der Praxis bewährt. Der Hamburger Notizbücher-Hersteller «Leuchtturm 1917» hat spezielle Bullet-Journale im Angebot. Darin findet sich ein Einführungstext und eine Symbollegende, allerdings bisher erst auf englisch. Zudem ist das Inhaltverzeichnis vorgedruckt, die Seitenzahlen nummeriert.

Wie fängt man an?
Das System hat einen einfachen, klaren Aufbau an den man sich rasch gewöhnt:

Der Index, das Inhaltsverzeichnis
Es kommt auf die ersten beiden Doppelseiten des Notizbuches zu stehen. Hier hältst du fortlaufend fest, auf welcher Seite was zu finden ist.

Future Log, deine Projekte für das nächste halbe Jahr
Hier werden Aufgaben und Termine festgehalten, die ausserhalb des laufenden Monats liegen. Die einfachste Methode ist, die nächste Doppelseite in sechs Abschnitte zu unterteilen und mit den Namen der nächsten sechs Monate zu versehen. Notiere die Seitenzahl im Index.

Monthly Log, die Monatsübersicht
Nächste Doppelseite. Schreib den Namen des Monats darüber, in dem du mit dem Bullet Journal beginnst. Auf die linke Seite schreibst du die fortlaufenden Daten von 1 bis (maximal) 31. Dazu jeweils den Anfangsbuchstaben des Wochentags. Beispiel: Aus Mittwoch dem 5. wird «5 M»

Auf der rechten Seite ist Platz für deine Aufgaben, deine To-Do-Liste, und die Events, die in diesem Monat stattfinden.

Notiere alles in Stichworte. Pro Aufgabe und Event reicht meist eine Zeile. Vor jede Zeile kommt eine entsprechendes Symbol (siehe übernächster Abschnitt). Notier die Seitenzahl der Monatsübersicht im Index.

Symbole und Telegramm-Stil

Daily Log, die Tagesübersicht
Auf der folgenden Doppelseite startest du mit der Tagesübersicht. Notier als erstes das Datum. Zu jedem Tag werden fortlaufend Aufgaben, Ereignisse, Gedanken und Ideen notiert. Für die rasche Übersicht wird hier eine Kurzschreibweise kombiniert mit Symbolen verwendet. Carroll nennt das «Rapid Logging»:

.      Einen Punkt für Aufgaben
o     Einen kleinen Kreis für Ereignisse
–     Ein Gedankenstrich für Notizen
x     Ist eine Aufgabe erledigt, wird der Punkt mit einem Kreuz durchgestrichen
       Fällt eine Aufgabe weg, wird sie einfach durchgestrichen

Ergänzt werden können diese Grundsymbole mit folgenden Zeichen:

*    Prioritäten, wichtige Aufgaben oder Ereignisse bekommen zusätzlich ein Sternchen.
!      Ideen oder Inspirationen werden zusätzlich mit einem Ausrufezeichen markiert.
?    Ein zusätzliches Fragezeichen oder ein Auge heisst: «Ich brauche mehr Informationen»

Bemüh dich nicht, ganze Sätze zu scheiben. Konzentrier dich auf prägnante Stichworte, schreib in einer Art Telegramm-Stil: Stell dir vor, du müsstest für jedes Wort etwas bezahlen. Welche Worte kannst du weglassen? Welche sind unerlässlich, damit du auch Monate später noch weißt, was gemeint war? Der Vorteil dieser Kurzschreibweise: Fassen wir uns kurz, notieren wir nur das Wesentliche. Das heisst, du setzt dich bereits beim Schreiben mit dieser Frage auseinander, was wichtig ist und warum.

Collections, Sammlungen
Mit «Collections» werden Sammlungen bezeichnet, aber auch die «Bausteine» des Journals, wie Index, Future Log oder Daily Log. Collections können für jeden beliebigen Inhalt erstellt werden, wie Einkaufslisten, Reise-Checklisten, Recherche-Ergebnisse,  Vorarbeiten zu einem bestimmten Thema, Gewohnheitstracker, Leselisten. Denk daran,  die Seitenzahl jeder Collection in den Index einzutragen, damit du sie später wieder findest.

Praktisch ist, dass du eine Collection einfach auf der nächsten freien Doppelseite anlegen kannst. Da alle Seitenzahlen im Index notiert werden, musst du für den Daily Log keine leeren Seiten aussparen. Zum Beispiel: Zwölf Doppelseiten mit Tagesübersichten, dann eine Doppelseite für eine Collection, gefolgt von sechs weiteren Seiten mit Tagesübersichten. Dann kommt die neue Monatsübersicht.

Die Sache mit dem Übertragen
Ende Monat legst du den Monthly Log für den nächsten Monat an. Steht die Struktur, gehst du den auslaufenden Monat Tag für Tag durch und schaust, welche Aufgaben noch nicht erledigt sind. Es geht dabei nicht darum, dass du dich dabei schuldig fühlst. Es geht darum herauszufinden, warum du diese Aufgaben noch nicht abgeschlossen hast. Vielleicht stellst du fest, dass sie nicht mehr wichtig ist? Dann kannst du sie ganz streichen. Wenn sie für dich immer noch von Bedeutung oder gar unerlässlich ist, wird sie übertragen. Das geht so: Der Punkt vor der Aufgabe wird mit einem anderen Zeichen überschrieben.

> Aus dem Punkt wird ein Pfeil nach rechts, wenn die Aufgabe in den nächsten Monthly Log oder eine Collection vorgerückt wird.

< Aus dem Punkt wird ein Pfeil nach links, wenn die Aufgabe an ein bestimmtes Datum gebunden ist, das ausserhalb des aktuellen Monats liegt. Dann platzierst du die Aufgabe im Future Log am Buchanfang.

Ist ein Notizbuch voll, bekommt es einen beschrifteten Kleber auf den Rücken und wird aufbewahrt. So kannst du auch später noch auf deine Ideen und Sammlungen zugreifen.

Wie viel Zeit braucht man?
Es reicht, täglich fünf bis fünfzehn Minuten mit Reflexionen rund ums Bullet Journal zu verbringen. Denn das Ziel ist nicht, dass du eine perfekte Planung erstellst und dich gar darin verlierst. Auf der anderen Seite gibt viele Fans des Systems, die ihre Bullet Journale wie kleine Kunstwerke gestalten. Sie lassen ihrer Kreativität unzensiert freien Lauf und teilen ihre Ideen und Vorlagen auch gerne mit anderen. Es gibt weltweit eine sehr grosse, aktive und hilfsbereite Bullet Journal Gemeinde.

Doch egal wie schlicht oder verziert du dein Bullet Journal führst, wichtig ist das es für dich richtig ist. «Es geht nicht darum, wie Ihr Bullet Journal aussieht», schreibt Ryder Carroll dazu. «Es geht darum, welche Gefühle es in Ihnen auslöst und was es Ihnen bringt.» Im besten Fall werden wir uns bewusst, was wir wirklich wollen und wir das wollen. Wir setzen uns ein Ziel und beginnen zu handeln.

Falls du noch mehr wissen möchtest: Die offizielle Bullet Journal Webseite findest du hier:  www.bulletjournal.com

Mehr zum Thema Journaling findest du hier: Journaling in (fast) allen Lebenslagen. Teil 2: Für Einsteiger, für Krisenzeiten und bei Blockadenhttps://lelavondaeniken.com/journaling-fuer-fast-alle-lebenslagen/

In meinem Blog veröffentliche ich regelmässig praxistaugliche Tipps und Motivations-Kicks.